Dr. Hans-Peter Zehnder, Verwaltungsratspräsident Zehnder Group AG, erklärt, wieso die JUSO-Initiative den Unternehmergeist bremst und Innovation gefährdet. Dabei verweist das Vorstandsmitglied von Swiss Family Business darauf, dass zwei Prozent der Bevölkerung über die Hälfte der gesamten Bundessteuern tragen. Ebenso gibt er zu bedenken, dass man mit einem geschwächten Unternehmertum genau jene Kräfte verliert, die den Klimaschutz voranbringen.

Herr Zehnder, die JUSO will Nachlässe und Schenkungen über 50 Millionen Franken mit 50 Prozent besteuern. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dieser Initiative gehört haben?
Dr. Hans-Peter Zehnder: Ich war ehrlich gesagt schockiert über die Konsequenzen. Die Initiative zielt auf wenige Superreiche, trifft aber in Wahrheit die breite Basis unserer Wirtschaft. Sie gefährdet Familienunternehmen, die über Generationen hinweg Wertschöpfung, Innovation und Arbeitsplätze geschaffen haben. Politik und Verwaltung schaffen keinen Wohlstand, sie verteilen ihn nur. Wohlstand entsteht, wenn Unternehmerinnen und Unternehmer etwas riskieren, investieren und Neues schaffen. Man kann den Motor der Schweiz nicht abwürgen und dann hoffen, dass das Land weiterfährt.
Was bedeutet die Initiative konkret für Sie und andere Unternehmerinnen und Unternehmer in Ihrem Umfeld?
Viele von uns wären gezwungen, Firmenanteile zu verkaufen, um die Steuer bezahlen zu können. Das Problem: Familienunternehmer verfügen kaum über liquide Mittel. Ihr Kapital steckt im Unternehmen, in Maschinen, Gebäuden, Forschung oder Löhnen. Wer Anteile verkaufen muss, tut das in einer Zwangslage und jeder Käufer weiss das. Dadurch geraten Firmen unter Druck und die Eigentumsverhältnisse verschieben sich hin zu Finanzinvestoren – was wiederum ein erhöhtes Risiko für die Arbeitnehmenden darstellt. Damit einhergehend gehen zudem oft jene Werte verloren, die Familienunternehmen ausmachen: Verlässlichkeit, Fairness und langfristiges Denken.
Wie würde eine solche Erbschaftssteuer die Nachfolgeplanung in Ihrem Unternehmen verändern?
Nachfolgen in Familienunternehmen sind ohnehin anspruchsvoll. Wenn dann noch eine Steuer in dieser Grössenordnung hinzukommt, wird sie fast unmöglich. Die nächste Generation müsste nicht investieren, sondern zuerst den Staat auszahlen. Das widerspricht jeder wirtschaftlichen Vernunft. Mein Urgrossvater hat das Unternehmen gegründet, mein Grossvater und mein Vater haben es weiterentwickelt. Ich verstehe mein Erbe als Verpflichtung, diese Verantwortung im Sinne der Vorfahren weiterzutragen, aber auch gegenüber den Menschen, die bei uns arbeiten, lernen und leben.
Welche Folgen hätte die Initiative für KMU, Startups oder Investoren in der Schweiz?
Die Initiative bremst Unternehmergeist und gefährdet Innovation. Familienunternehmen denken in Generationen. Wenn sie gezwungen werden, Anteile zu verkaufen, verlieren sie Stabilität. Startups und Investoren werden vorsichtiger, weil sie nicht wissen, welche steuerlichen Risiken in Zukunft drohen. Erfahrungen aus Ländern wie Frankreich zeigen, dass Vermögens- und Erbschaftssteuern zu Kapitalflucht führen. In Norwegen hat man die Vermögenssteuer 2022 erhöht. Das Resultat war ein Wegzug von Unternehmern und ein Verlust an Steuereinnahmen. Kapital verhält sich wie Wasser: Es findet immer einen Weg.
Gefährdet die Initiative den Innovationsstandort Schweiz?
Ja, eindeutig. Unsere Wettbewerbsfähigkeit beruht auf Verlässlichkeit und Planbarkeit. Wenn Eigentum – das vorgängig als Einkommen und jedes Jahr als Vermögen bereits besteuert wurde – plötzlich zusätzlich mit 50 Prozent besteuert wird, verlieren wir beides. Unternehmerinnen und Unternehmer, die Verantwortung übernehmen und Arbeitsplätze schaffen, werden bestraft. Der Unternehmergeist, der die Schweiz stark gemacht hat, wird geschwächt. Wenn man einem Baum die Wurzeln abschneidet, darf man sich nicht wundern, wenn er keine Früchte mehr trägt.

Was sagen Sie zum jüngst präsentierten Vorschlag der SP-Fraktion, mit dem die Umsetzung der JUSO-Initiative für Unternehmen verträglicher gemacht werden soll?
Der Vorschlag zeigt vor allem, dass die ursprüngliche Initiative nicht zu Ende gedacht ist. Anstatt das Grundproblem zu lösen, schafft man neue: Bürokratie, Unsicherheit und Eingriffe ins Eigentum. Wenn der Staat plötzlich Firmenanteile oder Immobilien als Steuer entgegennimmt, fehlen ihm Fachwissen und Kapazitäten, um solche Vermögenswerte zu verwalten. Am Kern ändert sich ohnehin nichts: Die Steuer bleibt gleich hoch und muss bezahlt werden – ob in Geld, Anteilen oder Raten. Für Familienunternehmen bedeutet das weniger Kapital für Investitionen, Innovation und Arbeitsplätze. Die SP nennt das «unternehmerfreundlich», tatsächlich aber bleibt es eine Belastung für unser Unternehmertum und für die Wirtschaft insgesamt.
Die JUSO spricht von mehr Gerechtigkeit. Was entgegnen Sie diesem Argument?
Wir brauchen keine Politik, die Erfolg bestraft, sondern eine, die Leistung ermöglicht. Heute schon zahlen die obersten zehn Prozent der Privaten rund 86 Prozent aller Vermögenssteuern. Zwei Prozent der Bevölkerung tragen über die Hälfte der gesamten Bundessteuern. Die drei Prozent grössten Firmen bezahlen 88 Prozent aller Unternehmenssteuern. Wer Erfolg hat, trägt die Hauptlast und die Verantwortung für Arbeitsplätze. Gerechtigkeit entsteht nicht, wenn man den Kuchen anders verteilt, sondern wenn man ihn grösser backt.
Viele junge Menschen glauben, die Initiative helfe dem Klima. Teilen Sie diese Einschätzung?
Nein. Das Geld aus dieser Steuer würde in einen politisch verwalteten Fonds fliessen, nicht zwingend in wirksame Klimamassnahmen. Wir leisten unseren Beitrag längst: Die Zehnder Group hat ihren CO2-Ausstoss allein im letzten Jahr um zwölf Prozent gesenkt. Unternehmen investieren von sich aus in Innovation, in Kreislaufwirtschaft und Energieeffizienz. Wenn man Unternehmertum schwächt, verliert man genau jene Kräfte, die den Klimaschutz voranbringen.
Viele sagen, Reichtum sei unverdient. Was entgegnen Sie dem?
In einem Familienunternehmen ist Reichtum kein Lottogewinn, sondern gebundenes Kapital. Das Geld steckt in Arbeitsplätzen, Produktionshallen und Forschung. Wenn man dieses Kapital besteuert, besteuert man Arbeit. Man verwechselt oft Erfolg mit Luxus. Aber Vermögen in einem Unternehmen schläft nicht auf dem Konto, sondern arbeitet jeden Tag für andere.
Warum trifft diese Initiative am Ende alle und nicht nur einige Reiche?
Weil sie die Basis unseres Wohlstands untergräbt. Wenn Familienunternehmen verschwinden oder ins Ausland verkauft werden, verliert die Schweiz Arbeitsplätze, Lehrstellen und Steuereinnahmen. Zwar geht die Eidgenössische Steuerverwaltung von einem theoretischen Plus von 4,3 Milliarden Franken aus. In der Realität aber würden viele der grössten Steuerzahler das Land verlassen, mit der Folge, dass gemäss Eidgenössischer Steuerverwaltung statt Mehreinnahmen ein Defizit von bis zu 3,6 Milliarden Franken entstünde! Am Ende zahlt der Mittelstand durch höhere Steuern oder weniger staatliche Leistungen.
Sie sind Vorstandsmitglied von Swiss Family Business, die sich klar gegen die Initiative stellt. Warum engagieren Sie sich persönlich?
Swiss Family Business vertritt über 380 familiengeführte Unternehmen in der ganzen Schweiz. Uns verbindet die Überzeugung, dass Unternehmertum generationsübergreifende Verantwortung bedeutet. Das von Swiss Family Business initiierte «Überparteiliche Komitee gegen die JUSO-Initiative» setzt sich aus verschiedenen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Gemeinsam engagieren wir uns für die Ablehnung der JUSO-Initiative, damit das Erfolgsmodell der Schweizer Familienunternehmen nicht gefährdet, der Innovationsstandort nicht geschwächt und die Menschen in der Schweiz nicht den Preis für die geringeren Steuererträge von Bund, Kantonen und Gemeinden bezahlen müssen. Ich engagiere mich, weil ich überzeugt bin: Wohlstand entsteht nicht, wenn man ihn umverteilt, sondern wenn man ihn gemeinsam schafft. Wir müssen dafür sorgen, dass die Schweiz ein Land bleibt, in dem Leistung, Verantwortung und Innovation sich lohnen.
Was wünschen Sie sich im Hinblick auf die Abstimmung?
Ich wünsche mir, dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger erkennen, was wirklich auf dem Spiel steht. Diese Initiative hilft dem Klima nicht, sie schwächt unsere Wirtschaft. Sie gefährdet Arbeitsplätze, Nachfolgen und Unternehmergeist. Deshalb braucht es ein klares Nein, zum Schutz unseres Erfolgsmodells Schweiz.
Interview: Ivan Jäggi
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